14. Juni 2017

SCHULTASCHEN WISSENSCHAFT


Mein Schulthek (Ranzen) war aus rotem Leder... Mmmmh, wie der gerochen hat, ich hätte drin schlafen können, so fein war der. Das Leder war sicherlich nicht bio gegerbt und alles andere als vegan; und ich glaube, dass man nicht mal wusste, woher die Kuh kam... Auch, ob er sich perfekt der Wirbelsäule anpasste, war nebensächlich, denn es gab nur eine Größe und man suchte sich das Modell nach der Farbe aus (so wie ich das bis vor kurzem noch mit den Autos gemacht habe). Wenn es auf dem Schulweg geregnet hat, war der Inhalt der Tasche feucht. „Musst halt unter dem Regen durch", hat man damals gesagt und ist durch den Regen gerannt. Und dabei ist der Schulthek am Rücken rauf und runter gehüpft und man konnte genau hören, was man alles eingepackt hatte.


Trotz all dem habe ich meinen Ranzen wie einen Schatz auf meinem Rücken getragen und fand ihn grossartig. Nur noch besser haben mir die Schulerthek der Jungs gefallen. Die waren ebenfalls aus Leder, aber der Taschendeckel war aus Kuhfell. Für mich ein Traum. UND: Den fellenen Schulerthek meines Mannes benutzen die Kinder heute noch zum Schule spielen. 30 Jahre Garantie! Typisch Schweiz.

Als es für meinen Grossen soweit war, sich um eine Schultasche zu kümmern, merkte ich ziemlich schnell, dass für ihn andere Dinge wichtig sind. Zum Beispiel die Schweinereien in der Schultüte. Und wenn er sagt, dass er sich auf die Schule freut, dann meint er eigentlich die Tüte, die er bekommt, wenn er in die Schule kommt. Was soll ich sagen, jeder ist anders...
Also ging ich ans Vorsortieren, eh besser, denn die Auswahl an Schultaschen ist monströs. Und so habe ich mich schlau gemacht, als es an der Zeit war, sich schlau zu machen. Auf meiner Suche nach einer Schultasche bin ich durchs Internet getigert, hab in den Geschäften spioniert, hab den Schulkindern auf den Rücken geschielt und erfahrene Schülermuttis ausgequetscht. Fazit: 

Die meisten Schultaschen sind nicht nur grauslig, sondern sie sind auch schweineteuer und ihre Konstruktion eine WISSENSCHAFT!


Wie konnte ich nur so naiv sein und annehmen, dass man sich so mir-nichts-dir-nichts einen Schulranzen besorgt?

Eine Schultasche ist bei Weitem nicht mehr nur eine Schultasche:
Die beste Tasche für unser Kind ist eine von Ärzten und Physiotherapeuten konzipierte Superkonstruktion mit innovativem Ergonomiekonzept, heisst unter anderem: einem ergonomisch geformten Rückenteil, welches sich der natürlichen Form der Wirbelsäule anpasst. Die retroreflektierenden Elemente sind unverzichtbar und sollen doch bitte nach DIN 58124 leuchten. Natürlich soll die Tasche (wie banal das klingt: die Tasche… haha) mit ausreichend breiten Tragegurtkonstruktionen, Brust- und Hüftgurten - unabdingbar für einen optimalen Sitz - ausgestattet sein. Ein Verzicht auf einen Lageverstellriemen soll bitteschön wohl überlegt sein, denn die Bewegung des Kindes wird vor allem durch das Vorhandensein dieser Gadgets unterstützt. Oje. Zudem: Unterstützen zusätzliche Polsterungen von Rücken- und Tragegurten den Tragekomfort!

Als würde man damit auf eine hundertjährige Weltreise gehen. Ich brauche eine Schultasche, keinen Fallschirm!


Seitentaschen verleiten leider dazu, schwere Gegenstände wie Getränkeflaschen und sonstigen tonnenschweren Schülerkram in nur EINER Seite zu verstauen, was wiederum zu Schräglagen, Verspannungen von Rücken, Schultern und Nacken und somit zu Haltungsschäden führen kann. Tztztz! Wer soll denn bitteschön noch denken können, wenn alles verspannt ist? Nach kilometerlangen Fussmärschen von A nach B? Und das alles wegen dem Getränk in der Seitentasche.
Die Taschen scheinen so durchdacht zu sein, dass ich mir daneben mit meinen Vorstellungen schon richtig einfach vorkomme. 
Das Vorhandensein von Fächern mit einer stabilen Trennwand unterstützt zudem ein ergonomisch richtiges Packen, damit schwere Sachen direkt am Rücken gelagert werden können. 
Gut sind faire Taschen, die 100% recycliert sind, klar, und selbstversändlich OHNE Schadstoffe, also frei von Azofarbstoffen, Weichmachern, Cadmium, PCP und allergieauslösenden Farbmitteln... Ich werde bleich. Ja, das will ich alles auch nicht für mein Kind. Wenn in der einen Tasche das alles nicht drin ist, dann könnte es ja sein, dass in anderen Taschen das eine oder andere enthalten ist? Aufpassen!!!

Ich bin ein bisschen platt und ein bisschen genervt und schon ein bisschen erschöpft und frage mich gerade, ob es nicht einfach ein zu grosses Gesundheitsrisiko ist, das Kind überhaupt in die Schule zu schicken. Mein Sohn hat recht: Die Schultüte genügt eigentlich vollkommen.

Wir bleiben dran.

Kommentare

  1. Über dein Fazit herzlich gelacht!
    Aber ganz abstrus ist die Sache nicht. Und ich war ein paar Jahrzehnte damit beschäftigt, dass die Taschen nicht zu schwer wurden. In meiner letzten Schule blieb so gut wie alles in Fächern in der Schule, nur der Hausaufgabenhefter nicht.
    Zum Glück hab ich Enkel in Züri. Da ist mir der Thek ein Begriff...
    LG
    Astrid

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    1. Liebe Astrid, danke für deine Nachricht. Ja, ich kann mir vorstellen, dass mit ein paar Büchern im THEK ein stattliches Gewicht zusammen kommt. Aber wenn ich dann sehe, dass die coolen Schüler ihre Hightech-Taschen locker lässig auf nur einer Schulter nach Hause tragen, muss ich immer auch ein bisschen schmunzeln. Vielleicht wärs am Besten, wenn die Hausaufgaben einfach abgeschafft würden... Wegen zu viel Ballast!
      Sei herzlich gegrüsst! Sandra

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Maira Gall